Offener Brief zur geplanten Einführung von Hallengebühren

Ende September hat die Stadt Heilbronn mit der Ankündigung, ab 2027 wieder Gebühren für die Nutzung von Sporthallen einführen zu wollen, im Sport für Aufruhr gesorgt. Wie unter anderem in der Heilbronner Stimme berichtet wurde, würde sich diese Maßnahme erheblich auf den gemeinnützigen Vereinssport auswirken und die Existenz einiger ehrenamtlich geführter Heilbronner Vereine gefährden.

Gemeinsam mit dem SV Heilbronn am Leinbach, der TG Böckingen, dem Heilbronner Eishockeyclub und dem Stadtverband für Sport Heilbronn hat die TSG am 26.10.2026 einen offenen Brief zu der geplanten Einführung von Hallengebühren an Oberbürgermeister Harry Mergel, Bürgermeisterin Agnes Schüttler, Schul-, Kultur- und Sportamt-Leiterin Karin Schüttler, die Fraktionsvorsitzenden der Parteien im Gemeinderat sowie an die Heilbronner Stimme verschickt.

Ziel des Briefs, den wir nachfolgend in vollem Wortlaut veröffentlichen, ist es, die Einführung der Gebühren zu vermeiden.

 

Offener Brief:
Sport und Ehrenamt stärken – Hallennutzung für Vereine bezahlbar halten

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Mergel,
sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderats,

mit großer Sorge verfolgen wir die Überlegungen, die bisherige finanzielle Entlastung für die Nutzung städtischer Sporthallen einzuschränken. Wir möchten auf die möglichen Auswirkungen aufmerksam machen und darum bitten, die finanziellen Überlegungen im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wert des Vereinssports und den langfristigen Zielen der Stadt Heilbronn zu betrachten.

Ausgangssituation – geringe Einnahmen, erhebliche Auswirkungen

Nach den uns vorliegenden Informationen sollen durch die geplanten Hallennutzungsgebühren zusätzliche Einnahmen von 350.000 Euro erzielt werden. Gemessen an den jährlichen Plan-Erträgen entspricht dies einer Größenordnung von etwa 0,05 Prozent des städtischen Haushalts.

Wir erkennen die angespannte Finanzlage der Stadt Heilbronn und die Verantwortung des Gemeinderats für einen tragfähigen Haushalt ausdrücklich an. Dennoch stellt sich die Frage, ob die genannten Mehreinnahmen in einem angemessenen Verhältnis zu den erheblichen finanziellen und bürokratischen Belastungen der Sportvereine stehen.

Allein für die TSG Heilbronn entstünden finanzielle Mehrkosten von über 100.000 Euro brutto jährlich. Für die unterzeichnenden Mehrspartenvereine summiert sich die zusätzliche Belastung auf voraussichtlich rund 180.000 Euro brutto pro Jahr. Erschwerend käme hinzu, dass die Rechnungen der Stadt mittlerweile 19 % Umsatzsteuer enthalten, welche die Vereine – aufgrund fehlender Vorsteuerabzugsberechtigung - zusätzlich zu stemmen hätten.

Mehr Bürokratie und höhere Ansprüche – was bleibt von den Einnahmen?

Den geplanten Einnahmen von 350.000 Euro steht ein erheblicher zusätzlicher Verwaltungsaufwand bei Stadt und Vereinen gegenüber. Hallenbelegungen müssen kontrolliert, Rechnungen erstellt, geprüft und Zahlungen verbucht werden. Kurzfristige Änderungen müssen berücksichtigt und nicht selten Rechnungen nach langem Hin und Her auch storniert werden. Allein die unterzeichnenden Großvereine verzeichnen knapp 45.000 Stunden wöchentlicher Hallenbelegungen jedes Jahr, zzgl. zahlreicher Spieltage und Turniere an den Wochenenden.

Gleichzeitig steigen mit der Einführung von Gebühren die berechtigten Erwartungen an Qualität und Verfügbarkeit der Sportstätten. Bereits in der Sportentwicklungsplanung 2030 bewerteten rund 70 % der befragten Schulen die Qualität ihrer Sportstätten mit den Schulnoten 3 bis 6.

Dass die meisten Heilbronner Hallen zudem teilweise stark sanierungsbedürftig sind, dürfte hinreichend bekannt sein. Auch im Trainingsalltag und bei Spieltagen kommt es regelmäßig zu Problemen: Hallen werden gar nicht oder nicht rechtzeitig aufgeschlossen, Beleuchtung oder Heizungen funktionieren nicht oder Hallen sind kurzfristig durch schulische Veranstaltungen belegt, ohne dass die Vereine rechtzeitig informiert werden. Zuständige Ansprechpartner sind zu Trainings- und Wettkampfzeiten kaum erreichbar. Vereinsmitarbeitern werden vermehrt städtische Aufgaben wie bspw. Schließ- und Überwachungsdienste in den Sporthallen übertragen.

Im laufenden Jahr war beispielsweise die von der TSG-Judo-Abteilung genutzte Ludwig-Pfau-Halle bei rund 20 % der vorgesehenen Trainingszeiten aufgrund schulischer Abendbelegungen nicht nutzbar.

Wer für die Hallennutzung bezahlt, muss eine verlässliche Bereitstellung und einen ordnungsgemäßen Zustand erwarten können. Die tatsächliche Wirtschaftlichkeit der Maßnahme ist daher kritisch zu prüfen: Zusätzliche Bürokratie und höhere Anforderungen könnten die erhofften Einnahmen erheblich schmälern – während die finanzielle und bürokratische Belastung bei den Vereinen in voller Höhe zusätzlich entsteht.

Vereinssport ist mehr als Sport – und muss für alle bezahlbar bleiben

Wir Sportvereine bewegen rund 47.000 Mitglieder, darunter über 12.000 Kinder und Jugendliche und sind ein unverzichtbarer Bestandteil der sozialen Infrastruktur unserer Stadt. Wir fördern Gesundheit und die Entwicklung junger Menschen, schaffen Begegnungen zwischen Generationen und Kulturen und leisten einen wichtigen Beitrag zu Integration, Inklusion und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen bieten unsere Vereine Gemeinschaft, Stabilität und einen wertvollen Ausgleich.

Diese überwiegend ehrenamtlich erbrachten Leistungen wirken weit über den Sport hinaus. Allein in den unterzeichnenden Vereinen engagieren sich über 600 Menschen ehrenamtlich. Bei durchschnittlich zwei Stunden pro Woche entspricht dies einer jährlichen unentgeltlichen Arbeitsleistung im Wert von rund 1 Millionen Euro (kalkulatorisch 15 Euro pro Stunde). Hinzu kommt der gesellschaftliche Nutzen durch Prävention, Integration und Jugendarbeit – Aufgaben, die andernfalls verstärkt von Familien, Schulen und öffentlichen Einrichtungen aufgefangen werden müssten.

Besonders in Heilbronn, wo rund 60 % der Bevölkerung eine Zuwanderungsgeschichte haben und rund 32 % keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, kommt dem integrativen Beitrag des Vereinssports eine herausragende Bedeutung zu. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei Kinder und Jugendliche, die einen erheblichen Teil unserer Mitglieder ausmachen. In den unterzeichnenden Mehrspartenvereinen liegt ihr Anteil bei rund 40 % aller Mitglieder und damit deutlich über dem Durchschnitt aller Heilbronner Sportvereine von 26 %.

Ihnen unabhängig von ihrer Herkunft und den finanziellen Möglichkeiten ihrer Familien den Zugang zu Bewegung, sportlicher Förderung und Gemeinschaft zu ermöglichen, gehört gerade angesichts des zunehmenden Bewegungsmangels zu unseren zentralen Aufgaben. Aus diesem Selbstverständnis heraus engagieren sich alle unterzeichnenden Vereine weit über den originären Vereinssport hinaus in hohem Maße in und für Kindergärten und Schulen und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Bewegungsförderung, Bildung und gesellschaftlichen Integration.

Zusätzliche Hallennutzungsgebühren gefährden jedoch die Bezahlbarkeit dieser Angebote. Sie treffen gemeinnützige Vereine, die bereits durch Inflation, gestiegene Energiekosten und rückläufige Sponsoringeinnahmen erheblich belastet sind. Die zusätzlichen Kosten können nicht ohne Weiteres aufgefangen werden und würden höhere Mitgliedsbeiträge, eingeschränkte Trainingsangebote oder den Verzicht auf neue Angebote nach sich ziehen.

Allein in der Basketballabteilung der TSG Heilbronn würden Mehrkosten von über 100 Euro pro Mitglied und Jahr entstehen – dies entspräche einer Steigerung des Abteilungsbeitrags um 200 %.
Sport darf nicht zu einer Frage des Geldbeutels werden. Gerade Kinder, Jugendliche und Familien mit begrenztem Einkommen dürfen nicht durch zusätzliche finanzielle Hürden vom Vereinssport
ausgeschlossen werden.

Unser gemeinsamer Appell

Heilbronn hat sich zum Ziel gesetzt, eine attraktive, bewegungsfreundliche und lebenswerte Sportstadt zu sein. Wir Sportvereine tragen täglich dazu bei, dieses Ziel mit Leben zu füllen. Damit dies auch künftig gelingt, benötigen wir verlässliche und bezahlbare Rahmenbedingungen.

Wir bitten den Gemeinderat daher, von einer zusätzlichen finanziellen Belastung des gemeinnützigen Vereinssports durch Hallennutzungsgebühren abzusehen und die bisherige Unterstützung zu erhalten. Bei den anstehenden Haushaltsentscheidungen sollten nicht nur die kurzfristig möglichen Einnahmen, sondern auch die langfristige Bedeutung des organisierten Sports für unsere Stadtgesellschaft berücksichtigt werden.

Wir Sportvereine schaffen einen gesellschaftlichen Mehrwert für Heilbronn und seine Bürgerinnen und Bürger, der weit über unseren finanziellen Förderbedarf hinausgeht.

Dabei setzen wir uns ausdrücklich nicht nur für die Interessen unserer eigenen Vereine ein, sondern stehen solidarisch an der Seite aller Heilbronner Sportvereine – insbesondere der kleineren Vereine, die zusätzliche finanzielle Belastungen häufig noch schwerer auffangen können und deren Existenz dadurch im Einzelfall sogar gefährdet sein könnte.

Markus Scheffler & Marcel Hetzer (TSG Heilbronn)
Lars Epple (SV Heilbronn am Leinbach)
Herbert Tabler & Gerrit Bartsch (TG Böckingen)
Kai Sellers (HEC Heilbronn)
Christoph Troßbach & Herbert Tabler (Stadtverband für Sport)

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