Talkrunde "Mental am Limit: Emotionale Geschichten und Tipps für den Alltag

Rund 60 Zuhörerinnen und Zuhörer waren Ende Juli ins Hofwiesenzentrum gekommen, um bei der Talkrunde "Mental am Limit" zu erfahren, wie Spitzensportler mit mentalen Rückschlägen und physischen Belastungen umgehen.

Para-Skirennläuferin Andrea Rothfuss, mit 14 Paralympics-Medaillen eine der erfolgreichsten deutschen Wintersportlerinnen, berichtete ausführlich über ihre Depression, die sie fast zwei Jahre lang komplett außer Gefecht gesetzt hatte. "Es war ein schleichender Prozess. An manchen Tagen habe ich mich nicht gut gefühlt, war energielos. Irgendwann konnten Kopf und Körper nicht mehr zusammenarbeiten und ich habe gemerkt, wenn ich mit 100 km/h den Berg runterfahre, begebe ich mich in diesem Zustand in Lebensgefahr", erzählte die 36-Jährige über den Beginn der Depression. Erst als sie schon ein Dreivierteljahr in therapeutischer Behandlung war, fiel zum ersten Mal die Diagnose Depression. "Das war für mich ein großer Wendepunkt, denn ich wusste nun endlich, was mit mir los war", so Andrea Rothfuss weiter. 

Mit vielen kleinen Schritten und Gesprächen außerhalb des Familien- und Trainingsumfelds schaffte die Fahnenträgerin der Paralympics 2026 den Weg zurück. Ob sie heute geheilt ist? "Das kann mir keiner sagen. Es gibt immer noch Tage, an denen es mir nicht gut geht. Ich höre jetzt aber mehr auf mich und schalte dann einen Gang zurück."

Jetzt sei sie an dem Punkt angelangt, so Andrea Rothfuss weiter, an dem sie offen über ihre Erkrankung sprechen kann. "Es ist mir ein Anliegen, über Depressionen aufzuklären. Wenn ihr auf ein Erschöpfungssyndrom oder einen Burnout zusteuert, nehmt das bitte ernst und ignoriert es nicht. Springt über euren Schatten und holt euch therapeutische Hilfe."

Kleine Schritte waren es auch, die BMX Racer Philip Schaub zu den Olympischen Spielen 2024 gebracht haben. "Im März 2023 hatte ich einen Bandscheibenvorfall, der mich komplett aus den Vorbereitungen für die Spiele rausgerissen hat. Ich habe mit Reha, mit Physio und anderen herkömmlichen Mitteln dagegen angekämpft und hatte von Verbands- und Trainerseite den Druck, Deutschland für die Olympischen Spiele qualifizieren zu müssen", erinnert sich der Pleidelsheimer. "Ich habe es dann auch geschafft, einen Monat schmerzfrei zu sein, doch dann ging es so richtig los."

Er habe sich an diesem Punkt von dem externen Druck losgesagt und sich für die unausweichliche Bandescheiben-Operation entschieden. "Mir wurde bewusst, dass es nichts bringt, die Erwartungen erfüllen zu wollen. Ich durfte die wichtigste Sache in meinem Leben nicht länger ignorieren - nämlich mich selbst und meinen Körper", so der 28-Jährige. Am 23. November 2023 wurde er operiert - mit dem Bewusstsein, dass am 28. April 2024 der erste von zwei Wettkämpfen stattfinden würde, an denen er sich für Paris qualifizieren konnte. 

Philip Schaub: "Ich wusste, dass es bei einer Bandscheiben-OP im Normalfall ein bis zwei Jahre dauert, bis man wieder voll belastbar ist. Meine Herangehensweise war dann nicht zu sagen, ich möchte so schnell wie möglich wieder fit werden. Stattdessen habe ich an jedem einzelnen Tag geschaut, was kann ich heute machen, damit ich einen Fortschritt mache. In den ersten vier Wochen war meine Aufgabe, den ganzen Tag zu liegen, damit es mir perspektivisch besser geht. Also habe ich genau das gemacht. Danach ging es darum, dreimal am Tag kleine Fünf-Minuten-Bewegungsübungen zu machen. Das habe ich durchgezogen, habe meinem Körper die nötige Zeit gegeben, damit er heilen kann. Die Olympia-Qualifikation hatte dabei nicht die große Priorität, denn ich wollte einen Körper haben, der im besten Fall bis ins hohe Alter funktioniert und den ich nicht für einen Traum opfere."

Dass er am Ende auf den Punkt fit wurde und sich tatsächlich noch für die Olympischen Spiele 2024 qualifizieren konnte, war das Ergebnis dieser vielen kleinen Schritte. Aus dieser Erfahrung heraus gab er den Zuhörerinnen und Zuhörern dann auch auf den Weg: "Geht die kleinen anstatt der großen Schritte. Denn viele kleine Schritte bringen euch besser ans Ziel als wenige große."

Bei Richard Wienold, Snooker-Spieler aus dem Bundesligateam der TSG, stand vor allem das Thema Zeitmanagement im Fokus, ist er doch nicht nur einer der besten Snooker-Amateurspieler der Welt, sondern auch Versuchsingenieur in der Automobilindustrie mit einem stressigen 40-Stunden-Job und täglicher Anfahrt von Leonberg nach Heilbronn. Auch der 27-Jährige sprach von den kleinen Schritten: "Wenn ich ein großes Ziel habe, setze ich mich unter Druck und muss alles dafür tun, um es zu erreichen. Funktioniert das nicht, kommt Unzufriedenheit auf - und genau dies kann der Anfang für eine Abwärtsspirale sein. Deshalb backe ich lieber kleinere Brötchen, und wenn ich dann die kleinen Ziele erreicht habe, habe ich die Motivation, um auch die großen anzuvisieren."

Der 12-fache Deutsche Meister sieht sich selbst nicht als Spitzensportler. "Snooker ist für mich ein reines Hobby, es ist am Wochenende der Ausgleich zu einer stressigen Arbeitswoche. Zufällig habe ich halt als Jugendlicher viel Zeit investiert und mir einen gewissen Status erarbeitet. Aber egal, ob ich am Wochenende gewinne oder verliere - am Montagmorgen geht die Arbeit wieder los. Alles, was am Wochenende passiert, ist ein Bonus", sagte er mit einem Augenzwinkern und sorgte damit für Lacher im Publikum.

In den knapp zwei Stunden entwickelte sich auf der Bühne ein reges Gespräch, in dem es nicht nur um die Geschichten der drei Gäste, sondern auch um Themen wie inneren und äußeren Druck, Selbstgespräche und Blackouts ging.

Auf eine wichtige Komponente musste die von der AOK Heilbronn-Franken präsentierte und von den TSG-Mitarbeitern Ralf Scherlinzky und Tobias Kronmüller moderierte Gesprächsrunde leider verzichten. Am Vormittag der Veranstaltung hatte die angekündigte Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Petra Dallmann, angerufen und sich krank abgemeldet. Wir sind mit ihr weiter im Austausch und planen, die Olympia-Bronzemedaillengewinnerin von 2004 im Schwimmen, zu einem späteren Zeitpunkt zum Thema mentale Gesundheit zu befragen.

Vielen Dank an EDEKA Ueltzhöfer für die tollen Obstkörbe für unsere Talkgäste.

Die komplette Talkrunde ist inzwischen online und ihr könnt sie unter https://www.youtube.com/watch?v=Xu8M9ir2V98 in voller Länge anschauen.

Fotos: Annika Walz

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